tom's networking guide
 
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16. 08. 2004
Ulrich Pesch
Tom's Networking Guide

Kolumne

Sprechen Sie Wysiwyg?

Warum ist es in der IT-Branche fast unmöglich, sich mit einer normalen und verständlichen Sprache auszudrücken? Liegt es am Unvermögen der Marketing-Strategen oder an der schlechten Artikulation der Entwickler? Denglisch macht die Hirne weich.
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Ulrich Pesch

Sprechen Sie Wysiwyg?

Nein? Macht nichts. Es weiß sowieso kaum noch jemand, was das heißt: What you see is what you get ? was Sie sehen ist das, was Sie bekommen. Das fing vor mehr als 10 Jahren an als Weichware, Verzeihung, Software-Hersteller Microsoft sein Betriebssystem Fenster ? nein, Windows, herausbrachte. Der Hintergrund: früher war es schwierig, Texte und anderes auf dem PC Monitor optisch ansprechend zu formatieren. Unter dem neuen Windows erhielt man als Ergebnis das, was man auf dem Bildschirm, Verzeihung, dem Screen sah.

Gehen Sie auch manchmal zu Company Meetings oder mögen Sie lieber Betriebsversammlungen? Na ja, nur wenn in Ihrer Agenda noch ein Slot frei ist, versteht sich. Dort werden dann die Board Members (nein, das sind keine Seeleute und auch keine Boat People), beispielsweise der CFO und der CTO ? oder war´s der CEO? ? über das Erreichen der Targets nach EBITDA (das sind die Earnings Before Interests, Taxes, Depreciation and Amortization oder besser, der Jahresüberschuss vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) und andere Success-Stories reden, nachdem der CEO, also der ?oberste Exekutiv Offizier des Unternehmens" in seiner Keynote Speech, in seiner Ansprache über die Bedeutung des Share- und Stakeholder (mit Essen hat das nichts zu tun) Values gesprochen hat. ?Wir müssen unsere Corporate Strategy dem Markt anpassen, wenn wir weiter als Global Player agieren wollen", ist in der motivationsgeladenen Eröffnungsrede des Vorstandsvorsitzenden zu hören. ?Aus diesem Grund haben wir unser HR-Department mit Herrn Günther Meyer verstärkt, der sich vor allem der Steigerung der Performance unseres Staff und der Entwicklung einer Corporate Culture committed hat." Geht´s noch? Kennen Sie, oder? Anstatt zu sagen, das der neue Abteilungsleiter im Personalwesen die Aufgabe hat, sich um Leistungsverbesserungen des Personals zu kümmern und ein Konzept für eine neue Firmenkultur entwickeln soll!

Wie viel von dem und was noch alles hören Sie sich jeden Tag an? Ich denke, da sollten wir doch eher mal über die neusten EAI-Trends, über Knowledge Management, Business Process Re-Engineering, E-Procurement, Business Intelligence, B2B, B2C oder einfach nur über die Standard Requirements im Backoffice sprechen. Wissen Sie, was in England ein Waste Disposal Engineer ist? Ein Müllmann! Und dass ROI, der so oft zitierte Return of Investment nicht mehr ist als die Kapitalverzinsung? Und TQM, Total Quality Management, hört sich fast an, als würde man den totalen Krieg ausrufen. Ich weiß, das ist maßlos übertrieben.

Im Grunde hat die Schnelllebigkeit der technischen Entwicklung uns nicht nur überrollt, auch unsere Worte und Begrifflichkeiten halten mit dieser Geschwindigkeit nicht mehr Schritt. Was vorgestern noch der Chefbuchhalter war, war gestern der Controller, der seine Arbeit heute mit Business Intelligence Tools und übermorgen mit ? wer weiß das heute - für welchen Werkzeugen erledigt.

Sicherlich, viele der Fachbegriffe, die wir so inflationär benutzen, sind die Sprache der globalisierten Gesellschaft. Und da wir diese, wie so Vieles, bisher aus den USA übernommen haben, oft ohne uns die Mühe zu machen, die Texte in die deutsche Sprache zu übersetzen, hat sich diese Unsitte klammheimlich eingeschlichen. Wenn beispielsweise ein US-Unternehmen über seine Niederlassung in Deutschland eine Pressemeldung herausgibt, die aber noch übersetzt werden muss, dann machen sich die Übersetzer nur noch in den seltensten Fällen die Mühe, die vielen Fachbegriffe und Abkürzungen zu übersetzen. Das Ergebnis ist dann ein Begriffsbabylon, dass viele einfach nachplappern, aber im Grunde kaum jemand versteht. Muss man ja auch nicht, da viele der Begriffe eine sehr kurze Halbwertzeit haben. Ein paar Unverbesserliche, die dem Irrglauben erliegen, besonders intelligent zu wirken, indem sie so oft wie möglich mit derlei Ausdrücken um sich werfen, gibt es schon noch. Das sie und ihresgleichen die Beschleuniger dieses Dilemmas und daran Schuld sind, dass beispielsweise den meisten Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen die Klappe runter fällt, wenn sich einer dieser Sprachakrobaten zu Wort meldet, verwundert daher nicht. So viele und immer mehr Menschen, vor allem in kleineren und mittelständischen Betrieben stemmen sich vehement gegen diese Inflation und Aushöhlung der Sprache.

Warum scheint es nicht mehr möglich zu sein, mit einer normalen und allen verständlichen Sprache das auszudrücken, was man sagen will? Vielleicht liegt es an der zunehmenden Dynamik unserer Wirtschaft und einer daraus entstehenden Oberflächlichkeit. Denn was heute als Wort gilt, zählt morgen zur sprachlichen Antike. Als sei man mit der Sprache der Dichter und Denker nicht mehr in der Lage, eindeutig zu formulieren. So viele große Dichter gibt´s heute nicht mehr, aber heißt das auch, dass es nicht mehr so viele gibt, die denken können? Weil sie ganz gedankenlos und unbedenklich alles übernehmen? Weil es ?Hipp" ist und dem Zeitgeist entspricht? Oder ist das einfach nur, weil´s eben bequemer ist?

Vielleicht sollten sich die Sprachfanatiker die Ergebnisse einer Studie über den inflationären Gebrauch von Fachbegriffen zu Herzen nehmen, die erst kürzlich von AMD und Meta Facts in China, Großbritannien, Japan und den USA durchgeführt wurde: Danach zeigt sich, dass viele Menschen durch den Wust an Fachbegriffen in der Informationstechnologie irritiert sind und deshalb Kaufentscheidungen einfach zurückstellen. Sollte sich am Ende herausstellen, dass man denen nicht mehr zuhört, die täglich aufs Neue Fachbegriffe, die einfach niemand mehr versteht und verstehen will, wie Tontauben aus einem Schussapparat auswerfen? Was würde dann passieren?

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