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Ade, kleine Systems

26. 10. 2008
Bernd Schöne
Tom's Networking Guide

Nachruf Systems 2008

Lebewohl kleine Systems!

Ein Abgesang auf die kleine CeBIT-Schwester für München und Österreich, die plötzlich keiner mehr will, obwohl man sie bräuchte.
.

Ende mit Schrecken oder Anfang des Grauens?

Auf einer hastig einberufenen Pressekonferenz erklärte die Münchner Messegesellschaft nicht das Ende des Computer-Messe Systems. Als Trostpflaster folgte ein vager Ausblick auf die Zukunft. Die Gründe für das Ende der Messe sind weit klarer als die Konturen der beiden Folgeprojekte.

Bernd Schöne, langjähriger IT-Journalist und Autor für Tom's Networking Guide (Bild: Bernd Schöne)

Irgendwie habe ich Dich immer gemocht, kleine Systems. Unsere Beziehung begann vor mehr als 25 Jahren auf dem proppenvollen Messegelände rund um die dralle Bavaria. Es waren die Flegeljahre der IT. Was gab es da nicht alles zu bestaunen. Plotter, Monitore, allerlei Bürogeräte, und natürlich jede Menge Computer. Irgendwie waren wir alle hin und weg, was die schöne neue IT-Welt da versprach. Kleine Widrigkeiten wie der Münchner Schnürlregen, die drangvolle Enge und die saftigen Eintrittspreise taten der Freude keinen Abbruch. Das Standpersonal war vom alten Schlag, Abends wurde gefeiert und noch in den hinreißend altmodischen Wägelchen, mit denen man über das alte Messegelände kutschiert wurde, kamen wir uns alle näher, die Aussteller, die Fachbesucher und die vielen Freaks, die einfach nur schauen wollten. Man musste lange sparen, um sich einen flotten Rechner leisten zu können. Es lag etwas Prickelndes in der Luft, etwas Erotisches, das von einer neuen Zeit kündete, und wir alle konnten von uns sagen, dabei gewesen zu sein.

Du lagst halt so nahe, und die CeBIT war so weit weg. Klar, da gab es die ganz großen Stände, mit echten Mainframes, und da gab es die schönen, legendären Nixdorf-Partys. Aber Du, kleine Systems, lagst halt vor der Haustür, und so habe ich Dich damals viel häufiger besucht als die große, starke Schwester im fernen Norden, wo man ein so gnadenloses Hochdeutsch spricht und wo außerhalb der Messezeit, mit Verlaub, höchstens Fuchs und Hase absteigen. Während der Messe vermieten die Bewohner dieser Flachlandmetropole jedes Kinderbett und jede Bootshütte, als wäre man im ersten Haus am Platz. München war da viel bequemer und man schlief im eigenen Bett.

Deine Existenz hätte damals niemand in Zweifel gezogen, kleine Systems. Die Aussteller, die auf der Warteliste auf einen freien Stand warteten nicht, und die Besucher schon gar nicht, die sich gar nichts satt sehen konnten an all den grauen Zauberkästen, alle schweineteuer und noch ganz ohne grafische Oberfläche. Echte Freakware eben. Die Lieferung erfolgte ohne Betriebssystem und Anleitung.

Die Besucher kamen nicht nur aus Niederbayern, sondern ebenfalls aus Österreich und Italien. Du warst eben so logisch. Franz Josef Strauß, der Jahrhundert-Landesvater des Wald- und Wiesenbundeslandes Bayern, katapultierte sein Halbkönigreich innerhalb weniger Jahre an zwei technischen Revolutionen vorbei gleich ins 21. Jahrhundert und ließ die Vorzeigeregion Ruhrgebiet plötzlich so alt aussehen wie eine stillgelegte Zeche.

Auf dem zusammengestückelten alten Messegelände mit seinem unnachnamigen Charme, umgeben von einem Park und skurrilen Steinskulpturen, begegnete man sich irgendwie großherzig münchnerisch. Samstags war noch geöffnet. Das gemeine Publikum noch willkommen und noch nichts als gemeine Beutelratte verachtet.

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