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Kampf um PLC-Standards

21. 08. 2007
Arno Kral
Tom's Networking Guide

PLC im Standard-Dschungel

Powerline, quo vadis?

Wenigstens vier inkompatible Techniken fürs Netzwerk aus der Steckdose bevölkern die Verkaufsregale, zwei davon gar mit gleichem Vornamen. Marktführer devolo tut nichts, der Verwirrung Einhalt zu gebieten, und DS2 greift nach der Deutschen Telekom.
.

Standardkriege wider jegliche Vernunft

Es hätte alles gut werden können, damals, vor zwei Jahren, als die Industrievereinigung "Homeplug Powerline Alliance" einen leistungsfähigen Nachfolger für die "Internet-Verlängerung durch Stromleitungen" in Planung hatte, wissend, dass die schlappen 14 Mbit/s Bruttodurchsatz des Homeplug-Standards 1.0 für Content-reiche Web-2.0-Anwendungen, allen voran IPTV, im Steckdosen-Netzwerk hinten und vorne nicht ausreichen würde.

Die Bandbreite sollte mit 200 Mbit/s brutto gleich für mehrere IPTV-Ströme aus dem Internet oder zur Heimvernetzung mit Fast-Ethernet-Tempo taugen, und in Homeplug-1 fehlende Mechanismen für die Dienstgüte (Quality of Service) sollten IPTV-Anbietern zumindest ein vorrangiges Durchreichen der Streaming-Daten vom xDSL-Modem auf den IP-Fernseher garantieren.

Doch dann war die Spanische Firma Design of Systems on Silicon DS2, kaum dass sie ihren 200-Megabit-Powerline-Chip fertig entwickelt hatte, 2005 aus der Homeplug Powerline Alliance ausgeschert, um ihr frisch in Silizium gebackenes Powerline-Know-How selbst zu vermarkten, selbst organisiert in der Universal Powerline Alliance (UPA) ? während Panasonic vorrangig als Unterhaltungselektronikanbieter kurzerhand ein ganz eigenes High-Speed-System zur Datenübertragung via Stromleitung (mit 190 Mbit/s brutto) ersonnen hatte.

Homeplug-Hauptprotagonist Intellon aber war derweil inmitten der Entwicklung von "Homeplug AV" (HPAV) stecken geblieben, und es hatte Monate gedauert, bis endlich im Oktober 2006 die aus Teilen der abgewickelten ELSA AG hervorgegangene Aachener PLC-Schmiede devolo erste Produkte auf Basis des Intellon-HPAV-Chips auf den Markt bringen konnte ? wobei devolo selbst maßgeblich an der Umsetzung der HPAV-Technik in funktionsfähige Geräte und Intel angeblich mit Kapital beteiligt war.

Erst Homeplug AV erreicht im Feldtest mit IPTV-fähigen Datenraten von sechs (MPEG-4) respektive 12,5 (MPEG-2) annähern einhundert Prozent der Steckdosen (der beim devolo-Informer-Feldtest registrierten User).

Da devolo selbst nicht so lange auf zumindest Schnelleres, wenngleich nicht Besseres (im Sinne von Dienstgüte, QoS, Quality of Service ) hatte warten wollen, "erweiterten" die Aachener kurzerhand den Homeplug-Standard 1.0 um das aus der WLAN-Technik bekannten Modulationsverfahren OFDM, nannte es fortan "Turbo" oder "Highspeed PLC" respektive "High Speed Powerline" und verkauft bis heute solche Produkte dem inzwischen schon leicht verwirten Endverbraucher als le dernier cri, den letzten Schrei also ? und erzeugte ein Marketing-Chaos pur!

Denn zeitnah hatte devolo zusätzlich noch higher-speedige Steckdosennetzwerk-Produkte auf Basis von Homeplug-AV angekündigt:

  • am 23. November 2006: "devolo bringt erste 200 Mbit/s Produkte für Inhouse Powerline und Coax-Kabel: dLAN 200 AVpro und dLAN 200 AVpro i für Business-Kunden",
  • am 5.12.2006: "devolo dLAN 200 AV macht jede Steckdose zum Netzwerkanschluss mit 200 Mbit/s" und
  • am 6.3.2007: "devolo-Innovationen auf der CeBIT 2007: Netzwerkfähige Festplatte mit integrierter HomePlug-Technik sowie mit TV-Übertragung über die Stromleitung"

Letztere jeweils auf Homeplug AV aufbauend (und bis heute nicht einmal als Testmuster lieferbar).

Dass die von devolo angebotene Homeplug-AV-Technik weder mit Homeplug 1.0- noch mit Homeplug-Turbo-Geräten würde kommunizieren können, war indes keiner von devolos Produktankündigungen zu entnehmen, suggeriert jedoch mit dem Credo "Powerline im Ganzen Haus" Technik aus einem Guss (auch wenn in diesem Satz nicht mehr steckt als die banale Weisheit, dass es überall im Haus Stromkabel gibt).

Sehr emotional reagierte beispielsweise während der Homeplug-Versammlung im Rahmen der "Connections Europe 2006" in Berlin Oleg Loginov, CEO des Homeplug-1-Chip-Herstellers Arkados auf diesen Vorhalt des Tom?s Networking Guide Deutschland: "So ein Unsinn! Wer sagt das?" ? Arkados ist ebenfalls Mitglied der Home Plug Powerline Alliance, fertigt bis dato jedoch heine Homeplug-AV-Produkte.

Die Homeplug-Powerline-Alliance selbst spricht in diesem Zusammenhang lediglich von einer "Koexistenz" zwischen Homeplug 1.0 und Homeplug AV.

Kompatibel im Sinne von Datenaustausch sind diese beiden Homeplug-Standards indes ebenso wenig wie zu Homeplug-Turbo.

Die devolo-Web-Seite "Fragen & Antworten" jedenfalls schweigt sich zu beiden Suchbegriffen aus: Wer zum Produkt "dLAN AV" mit dem Suchbegriff "Kompatibilität" nach Antworten sucht, wird ebenso enttäuscht, wie beim Suchbegriff "Koexistenz" (Letzter Stand: 26. August 2007).

Erst auf wiederholte Nachfrage des Tom?s Networking Guide Deutschland bei devolo "Welche Datenraten sind zu erwarten, wenn HP AV und HP 1.0 Geräte in einem Stromkreis betrieben werden?" kam von Marketing- und PR-Chef Christoph Rösseler (einzigem Anprechpartner für die Fachpresse) die Antwort: "Wenn beide Technologien gleichzeitig Daten pumpen, dann jeder etwa die Hälfte. Wenn eine Technologie schweigt, dann ca. 95 %."

Das wären dann brutto 7 Mbit/s für Homeplug 1.0 und 100 Mbit/s für Homeplug AV ? brutto. Die Nettodatenrate, also der real erzielbare Durchsatz, liegt noch einmal deutlich niedriger und erreicht bei einer Punkt-zu-Punkt-Verbindung knapp die Hälfte der genannten Linkrate, bei drei gleichzeitig arbeitenden Kommunikationspartnern ein Drittel, und so fort.

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